• Wolfgang Strobl
    Wolfgang Strobl
    2020-06-13

    Ich versuche, mir solche Teile auf Sch(m)utzstreifen vorzustellen, oder auf den ebenfalls absichtlich irreführend als "Protected" bezeichneten Bike Lanes, sowie auf den vielen anderen Varianten der Verdrängung des nichtmotorisierten Fahrzeugverkehrs von den guten Fahrbahnen, die zusammenfassend als "Radweg" bekannt sind. Es gelingt mir nicht.

    Das Problem der muskelkraftbetriebenen Fahrzeuge (Human Powered Vehicles) ist nicht eines der Fahrzeugtechnik, sondern eines der verfügbaren Infrastruktur. Dieses Problem stellt sich bei genauer Betrachtung aber komplementär dar zum in der veröffentlichten Meinung typischerweise dargestellten Mantra: "wir brauchen eine separate Infrastruktur".

    In Wirklichkeit ginge es darum, die vorhandene Infrastruktur, wir nennen sie Straßen und hier spezifisch "Fahrbahn", in ihrer Gesamtheit für den Gebrauch mit solchen Fahrzeugen besser tauglich zu machen, statt das Gegenteil zu tun, diese Fahrzeuge zunehmend davon auszuschließen und die Nutzer auf eine separierte "Infrastruktur" zu verweisen und sie mit der Aussicht darauf zu trösten. Nämlich der Aussicht auf eine imaginierte Infrastruktur, die schon in der Planung aus fast jedem Blickwinkel (Effizienz, Durchgängigkeit, Erreichbarkeit, Flächendeckung, Sicherheit) minderwertig ist, dann stückweise und schlechter gebaut wird und von dann an verfällt.

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  • (((Horschtel))) born at 315ppm
    (((Horschtel))) born at 315ppm
    2020-06-13

    Lokalkolorit dazu:
    http://mission-milan.de/news.htm
    Wäre mir persönlich zu niedrig, wegen der Sichtbarkeit und der eigenen Übersicht.
    Aber schnell sind sie ...

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  • Wolfgang Strobl
    Wolfgang Strobl
    2020-06-13

    Zum verlinkten Artikel - Nostalgie und Aufarbeitung der Historie schön und gut, aber was da gezeigt wird, erinnert mich mehr an den Kinderwagen (s.w.u.), in dem meine Mutter mich herumgeschoben hat, als an ein modernes Human Powered Vehicle. Das ist in der Tat eher geeignet für Träumereien als für Gegenentwürfe zum weiter ungebrochenen Trend "Mehr Power, mehr Tempo, mehr Gewicht, mehr Krach, mehr Verschleiß", an dem auch die E-Mobilitäts-Hype leider nichts ändert.

    Neben dem von @(((Horschtel))) gezeigten Milan gibt es diverse HPV, die mit moderner Technik (zum Teil abgewandelter Fahrradtechnik, jedoch auch Neukonstruktionen) weit mehr als Seifenkisten oder Kinderspielzeuge sind. Der Übergang von vollverkleideten Liegerädern zu sich an Pkws orientierenden HPV ist fließend. Am oberen Ende der Skala finden sich elektrifizierte HPV, z.T. mit Photovoltaik, bei denen die Tretunterstützung nur noch eine ergänzende Rolle hat und die Motorisierung spätesten dann unverzichtbar wird, wenn es darum geht, mit schweren Lasten eine kräftige Steigung zu bewältigen. Der Unterschied zu Pedelec in ihrer aktuellen Form, die ich i.W. für einen Schwindel und Selbstbetrug halte, besteht in dem Ansatz, nur gerade so viel Motorisierung einzusetzen, wie erforderlich bleibt, wenn alle anderen technischen Optionen, vor allen Dingen Aerodynamik, Gewichtsreduktion und verlustfreie Kraftübertragung ausgereizt sind.

    Liegeräder haben zwar im Prinzip alle das vermutete Problem bzgl. Sicht und Sichtbarkeit, nicht nur die vollverkleideten wie das Milan. Vollverkleidete Liegeräder, die i.W. mit dem, was ein untrainierter, aber gesunder Mensch an Leistung aufbringen kann, Dauergeschwindigkeiten im Bereich eines Mopeds erlauben und damit schneller sind als das, was als Durchschnittsgeschwindigkeit von Pkws im Stadtverkehr berichtet wird, sind allerdings noch mehr davon betroffen. Das ist IMHO aber gar nicht das Hauptproblem, sondern die fehlende Rangierfähigkeit.

    Auf meinen regelmäßigen 70km-Touren durch die Region treffe ich immer mal wieder auf solche Liegeräder. Die Fahrer bevorzugen nach meinem Eindruck genau so die einsamen Landstraßen wie ich mit dem Rennrad. Beim Vergleich von Fahreigenschaften und Rangiervermögen bestätigt sich mein EIndruck, dass diese Fahrzeuge zwar ideal geeignet wären, im Stadtverkehr wie auf der Landstraße schnell zu fahren, manche davon auch wettergeschützt, daß man bei der gegenwärtigen Verkehrspolitik aber raus aufs Land muß, um die Dinger tatsächlich ausfahren zu können. Denn die guten, übersichtlichen Strecken, auf denen man schnell fahren kann, ohne Haken schlagen zu müssen, werden überall dort, wo der Verkehr dichter wird, für den (über-)motorisierten Kfzverkehr reserviert. Das ist widersinnig und kontraproduktiv, aber offenbar leider nicht zu ändern.

    Persönlich hätte ich mir gewünscht, irgendwann mal mit einem HPV dieser Art zur Arbeit fahren zu können, einen Traum würde ich es zwar nicht nennen, aber es war doch zeitweilig eine denkbare Perspektive. Nun, das Rennrad hat für mich den Job bestens erfüllt, der jetzigen Generation ist diese Perspektive verloren gegangen und wer jetzt als Dreissigjähriger mit dem Pedelec herumfährt, weil "Fahrrad", wird als Fünfzigjähriger gar nicht mehr anders können und eine solche Perspektive gar nicht entwickeln. Ob sich Produkte wie das Milan halten können, wenn die Kundschaft i.W. aus Nostalgikern besteht, die sich dann in der Rente ausgedehnte Fahrten auf einsamen Landstraßen gönnen könnne? Ich zweifle.

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  • (((Horschtel))) born at 315ppm
    (((Horschtel))) born at 315ppm
    2020-06-13

    Kennt Ihr den: Fahrradi Farfalla FFX?
    Ich glaube auch, dass innerstädtischer Individualverkehr am besten mit herkömmlichen Fahrräder (ggf. mit E-Umterstützun) und ÖPNV abgedeckt wird.
    Herkömmliche Autos zu elektrifizieren halte ich für Quatsch, da die Kisten zu schwer sind. Dann eher so was wie den Twizzy.
    Und sonst: herkömmliche, leichtere Autos, aber mit alternativem Brennstoff und elektrisch, autonom mit der Bahn :-) .

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  • Wolfgang Strobl
    Wolfgang Strobl
    2020-06-13

    @(((Horschtel))) Auf den ersten Blick ist das verlinkte Fahrzeug ein ziemlich albernes Spielzeug.

    Ich halte die Eletrifizierung von Fahrrädern im innerstädtischen Verkehr für weitgehend kontraproduktiv, denn dieser Verkehr ist viel mehr durch Kurzstrecken und niedriges Tempo geprägt als Radverkehr generell. Darüberhinaus erschwert das zusätzliche Gewicht, das sich aus Motor, Akku und Abkehr vom Leichtbau ergibt, die Mitnahme im ÖPNV. Unter dem Stricht bleibt also übrig: die Elektrifizierung macht sich selber unentbehrlich.

    Für den Teil der Überlandfahrten, für die eine Elektrifizierung tatsächlich notwendig wääre, um ein Zeitbudget einhalten zu können, erscheint die Elektrifizierung in der gegenwärtigen Form - Pedelec- ebenfalls widersinnig, wie sich schon aus der Diskussion der HPV weiter oben ergibt - die sind so schon schneller als ein Pedelec.

    Leichtere Autos sind im Rahmen der geltenden Vorschriften nicht realisierbar, dies ist eine Sackgasse, die sich die Autoindustrie nebst ihrer Lobby mit großer Effizienz zusammengebastelt hat. Dass sich der von Thomas verlinkte Artikel spezifisch auf die Sackgasse "Verbrenner" konzentriert, ist ja ganz ok. Jedoch ist das nicht die einzige und nicht mal die relevante Sackgasse.

    Die relevante Sackgasse ist die Übermotorisierung als primäres Mittel zur Steigerung der Spitzengeschwindigkeiten von Verkehrsmitteln. Die meisten schädlichen Wirkungen von Verkehrsmitteln, Übergewicht, Lärm, Verschleiß, Flächenbedarf, Unfallschwere sind die Folgen. Und die alleinige Fixierung auf den Energieträger, d.h. Kraftstoff vs. Eletrizität dient m.E. mehr und mehr auch dem Ziel, dies vergessen zu machen.

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  • (((Horschtel))) born at 315ppm
    (((Horschtel))) born at 315ppm
    2020-06-13

    Ich bin ganz bei dir!
    Du hast den Blick des sportlichen Radlers.
    Bei elektrifizierten Fahrrädern bin ich zwiegespalten. Mir ist es lieber, jemand fährt Pedelec statt Auto.

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  • Wolfgang Strobl
    Wolfgang Strobl
    2020-06-13

    @(((Horschtel))) Nein, ich habe nicht den Blick des sportlichen Radlers, ich hasse Sport und habe mich bis auf wenige Jahre Judo in Kindstagen von Sport ferngehalten. Was ich habe, das ist der Blick von jemand, der frühzeitig vom Motorrad und Auto auf das Fahrrad als langsamem Sightseeing-Vehikel für die Kinderbespaßung und im Urlaub und dann auf das Fahrrad als Verkehrsmittel umgestiegen ist: Einkaufen mit dem Hollandrad, Fahrt zur Arbeit im Flachland, dann Wechsel des Arbeitplatzes und nun doppelter Entfernung und vielen Höhenmetern. Dabei erwirbt man zwar auch Muskeln, aber kein Mensch nennt so etwas Sport. Gestern hat mich jemand an einer 7%-Steigung, die ich auf meinen regelmäßigen Rundfahrt gegen Ende der Runde bewältigen muß und nur an guten Tagen mit +9 km/h schaffe, auf einem Rennrad mit über 20 km/h überholt. Das passiert mir da normalerweise nur mit Pedelec. Die brauchen dafür ca 500 W, ich schätze meine Leistung an der Stelle auf etwa 160 W, die des überholenden Rennradfahrers auf vielleicht 400 W. Das ist dann schon eher sportlich.

    Daß das Fahren mit Pedelecs Autofahrten ersetzt, halte ich für Wunschdenken. Nach meinen Beobachtungen steigen die Leute überwiegend vom Fahrrad auf Pedelecs um, bzw. Leute, die sonst aufs Fahrrad umgestiegen wären, steigen nun auf Pedelecs um, und werden dann davon abhängig, i.W. weil Motorfahrzeuge andere Fähigkeiten ausbilden als muskelbetriebene Fahrräder. Das gilt zwar primär für den Aufbau und Erhalt der Herz- und Skelettmuskulatur, aber nicht nur. Auch die motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ein Radfahrer im Laufe der Zeit erwirbt, sind andere.

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