• Wolfgang Strobl
    Wolfgang Strobl
    2021-09-03

    Was für ein Geschwätz. Es fängt ja ganz vernünftig an, aber wenn ich dann dieses vereinnahmende "wir" lese, könnte ich kotzen. Nein, mein Freund, wenn du (der Autor dieser Sottise) dich als der "schwächere Verkehrsteilnehmer fühlst", wenn du im Kleinwagen auf der Autobahn "hinter einer Lasterkolonne", wie du Dich ausdrückst, "kriechst", dann, mit Verlaub, sprich für dich selber, nicht für andere.

    Dieser Autofahrer hier fühlt sich in der Situation nicht als der schwächere Verkehrsteilnehmer. Und erst recht nicht, wenn er mit dem Fahrrad "fährt", was für dich offenbar ein rotes Tuch ist. Mobil ist nicht nur der Autofahrer, der zum Fußgänger mutiert, wenn er ausgestiegen ist.

    Ach ja, das Beispiel mit dem "Startup-Fuzzi", der "richtig gut verdient", der "alle Angebote in Berlin nutzen kann" usw., kannst du dir ebenfalls sparen. Dieser gut verdienende Fuzzi ist gewiss kein Maßstab.

    Es soll auch Leute geben, die bloß ein normales Akademikergehalt oder weniger haben, die normal gut oder weniger gut verdienen und für die das Wohnen in der Stadt durchaus Kompromisse bedeutet und keineswegs nur finanzielle. Ist es dir vielleicht mal in den Sinn gekommen, dass in einer Partnerschaft beide einen Job haben wollen und eine Familie? Und wie schwer es ist, dann Wohnort und Arbeitswege unter einen Hut zu bringen?

    Ich streite mich eigentlich, seit ich vor vielen Jahrzehnten für meinen langen und recht beschwerlichen Arbeitsweg vom Auto aufs Fahrrad umgestiegen bin, mit all den Bekloppten herum, für die das Fahrrad nicht mehr als eine Art Gehilfe ist, die das Herumlaufen in der großen Fußgängerzone etwas bequemer macht - gehfaule Leute, die deswegen Radwege fordern und leider auch bekommen - Radwege, die aus den Nutzern eines leistungs- und konkurrenzfähigen Verkehrsmittel erst zwangsweise diese "schwächeren Verkehrsteilnehmer" machen, die dann diese Radwege zu brauchen glauben.

    Es mag gut gemeint sein, aber gut gemeint ist zu oft das genaue Gegenteil von "gut".

    Für eine Vertiefung reicht der Platz hier nicht, zwei Punkte nur, die verdeutlichen, dass man die konträren Standpunkte im Detail diskutieren müsste.

    • "Die Hälfte aller Wege, die in einer Stadt zurückgelegt werden, sind unter fünf Kilometer, da reicht ein Fahrrad!" ist ein oft zitiertes Beispiel, man konnte das schon bei den Monheims lesen ("Straßen für alle"), ich habe das auch oft angeführt.

    Der Denkfehler liegt hier in der Annahme, dass die Verkehrsmittelwahl durch den Median der Länge der zurückzulegenden Strecken bestimmt sei. Das ist Unfug. Wenn man überhaupt eine einfache Regel dieser Art aufstellen kann, dann die, dass die Verkehrsmittelwahl durch die längsten Distanzen bestimmt wird, die man damit noch zurücklegen können muss bzw. zurücklegen möchte. Kaum jemand kauft sich ein Auto, das auf die 15 km zum Arbeitsplatz zugeschnitten ist, und ein anderes Auto, um damit in die 50 km entfernte Nachbarstadt zu fahren. Tatsächlich kaufen sich die Leute ein Auto, um die 1000 km an den Urlaubsort mit einer oder zwei Fahrten bewältigen zu können. Und fahren dann auch die 15 km (oder 5 km, um beim kritisierten Artikel zu bleiben) mit dem Auto. Schlußfolgerung: wenn man das Fahrrrad als Verkehrsmittel nicht behindern, sondern fördern will, muß man erst mal seine Reichweite vergrößeren. Im zweiten Schritt muß man dann seine Reichweite weiter vergrößern. Und dann überlegen, wie man für die restlichen zu langen Distanzen den öffentlichen Nah- und Fernverkehr für Fahrradmitnahme ausstattet.

    Da die Reichweite im Sinne "von A nach B" sowohl von der benötigten Distanz abhängt (Umwege senken die Reichweite) als auch vom Energiebedarf pro zurückgelegter Strecke (sprich, der notwendigen Antriebsleistung), liegt auf der Hand, dass die vorhanden unaufgeteilten Fahrbahnen gut geeignet sind, die Reichweite von Radverkehr zu erhöhen, nicht aber die um sie herummäandernden, überwiegend schlecht trassierten Radwege. Die reduzieren die Zahl der mit eigener Körperkraft erreichbaren Ziele, und das massiv.

    • Verkehrsberuhigung

    Die meisten real existierenden Verkehrsberuhigungen behindern den Radverkehr weit mehr als sie den Kfzverkehr behindern. Wie jeder weiß, der schon mal von einem Kölner Teller oder eine Verkehrsberuhigungsschwelle zu Fall gebracht worden ist. Tatsächlich ist seit Langem bekannt, dass Radverkehr auf einer unaufgeteilten Fahrbahn mit und ohne Tempo 30 den Verkehrsfluss verstetigt, was auch heißt, dass überhöhte Geschwindigkeiten, die sowohl als belästigend empfunden werden als auch gefährlich sind, seltener werden.

    Wo das nicht funktioniert, liegt es daran, das Übertretungen mit einem Augenzwinkern geduldet werden. So lange einer Klage gegen die Benutzungspflicht einen Zwangsradweg von Seiten der zuständigen Behörde erfolgreich entgegnet wird, dass im dem betreffenden Abschnitt zu viele gefährliche Geschwindigkeitsübertretungen vorkämen, wie die Polizei bestätigen könne (so ist es mir passiert), darf man sich über die Folgen nicht wundern

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